Krimiblog 3c
Montag, 15. August 2011
Donnerstag, 14. April 2011
14. Kapitel
Ihr Handy. Er hatte es zuerst gar nicht beachtet, so tief waren seine Gedanken beim Anblick ihres Körpers gewesen. Aber war sie auch tot? Er hatte keine Zeit mehr, denn vom Display konnte er genauestens ablesen, wer bei seiner letzten Schönheit anrief: S. Blum. Diesen Typen kannte er vom Parkplatz des Archivs noch sehr gut und er wusste, was dieser Anruf bezweckte. Irgendetwas hatte ihn verraten. Was genau, konnte er sich aber beim besten Willen nicht vorstellen. Sein Vorgehen war so sauber, so perfekt gewesen. Keinen Fehler hatte er bemerkt, nicht einmal jetzt, bei seinem letzten Mal. Von ihm kam kein Versehen, das war sicher. Es konnte, nein, es musste fast ein Zufall sein, der jetzt seine letzten Minuten bei ihr in Gefahr brachte.
Simon hielt das Handy während der ganzen Fahrt an sein Ohr gepresst. Vor lauter Sorge um Tamara bemerkte er gar nicht mehr, dass niemand abhob. Ein Team der Polizei war unterwegs, jetzt musste er einfach schnell sein.
Als die Türme in Sicht kamen, standen zahlreiche Autos davor. Auf nichts und niemanden achtend, lief der die lange Mauer entlang bis zuletzt- der Dächliturm. Er war sich so sicher, Tamara hier zu finden.
Die Tür war offen. Simon nahm die Pistole aus seinem Gürtel und öffnete die Tür. Es war dunkel. Er tastete nach der ersten Stufe und stieg langsam die Treppe hinauf, die Pistole fest in der Hand. Er stellte sich vor, wie Tamara oben lag, wie die anderen Opfer blond und wunderschön, jedoch mit einem eingeritzten Zeichen auf der Brust und tot. Simon musste schlucken. Seine Beine wurden schwerer und schwerer. ‚Simon, reiss dich zusammen‘, schalt ihn eine leise Stimme in seinem Kopf. ‚Solche Situationen hattest du doch auch schon.‘ ‚Damals war es aber nicht Tamara…‘ erwiderte eine andere. Er meinte, von unten ein Geräusch gehört zu haben. Simon blieb stehen und schüttelte den Kopf, um seine Gedanken zu vertreiben. Er musste einen klaren Kopf haben, wenn er den Täter überführen wollte. Dass er sich Sachen einbildete, konnte in Stresssituationen vorkommen. Simon holte noch einmal tief Luft, hielt seine Waffe hoch und betrat das Dachgeschoss. Hier oben war es heller, denn der Mond schien genau zu einem der Fenster hinein. Leider konnte er diesen schönen Augenblick nicht geniessen, denn in diesem Moment erblickte er Tamara. Ein dumpfes Gefühl machte sich in ihm breit; er konnte sich nicht mehr bewegen, war wie gelähmt. Sie sah aus wie in seiner Vorstellung. Blond. Wunderschön. Kalt. Tot. Seine Pistole glitt ihm aus der Hand und fiel zu Boden. Beim Geräusch des Aufpralls kam wieder Leben in Simon. Er eilte auf Tamara zu und kniete sich neben sie. „Tamara, Tamaraaaaa?!“, rief er mit lauter, unkontrollierter Stimme. Simon fuhr durch ihre zerzausten Haare, betrachtete die Würgemale an ihrem Hals. Plötzlich regte sie sich, schlug die Augen auf, schaute ihn an. Er tastete ihr Handgelenk nach einem Puls. Da waren nur noch wenige Schläge. Geistesgegenwärtig begann er einen verzweifelten Versuch, sie wieder zu beleben. Beatmung und Herzmassage im abwechselnden Rhythmus. Sie atmete immer schwerer, ihr Puls verlangsamte noch mehr. Dann gab er auf; er konnte ihr nicht mehr helfen. Tamara schaute ihn nur an. Dann wurde ihr Blick glasig, ihr Körper schwer.
„Die Kleine konnte sich besser wehren als die anderen.“ Die Stimme kam aus dem Nichts, und Simon sprang erschrocken auf. Ein Mann kam langsam aus dem Schatten hinter der Türe. Der Mann bückte sich, hob Simons Pistole auf und betrachtete sie in seiner Hand. Dann fuhr er mit Plauderlaune fort. „Um sie war es fast schade.“ Simon wollte etwas sagen, irgendetwas, doch seine Stimme versagte. „Du möchtest mir gar nichts sagen?“ Simon konnte nicht klar denken. Ihm wurde bewusst, dass dieser gestörte Mensch hinter der Tür des Turms gewartet hatte, als er hereingekommen war. Im Dunkeln hatte er nach der ersten Stufe getastet. Nicht auszudenken, wenn Simon mehr nach rechts gegangen wäre… Dann hatte er sich das Geräusch auf der Treppe doch nicht eingebildet. Er war an diesem Mann vorbeigegangen, und der Mann war ihm dann den Turm hinauf gefolgt. Ihn schauderte es. Er schüttelte seinen Kopf erneut, um seine Gedanken zu ordnen.
„Aber Tamara hat aufgegeben, denn niemand widersetzt sich meinen Spielregeln! Niemand hat eine Chance gegen mich!“ Plötzlich überschlug sich seine Stimme. „Und was willst du jetzt machen, Simon? Ich habe deine Pistole. Du bist machtlos und deine Freundin ist tot.“ Er lachte ein hysterisches Lachen und drehte die Waffe weiter in seinen Händen. Trotz seinen wirren Gedanken merkte Simon jetzt, dass der Mann Recht hatte. Was sollte er tun? Niemand würde herkommen, die Polizisten umstellten nur das weitläufige Gebiet, hier waren sie alleine. „Du kannst nichts machen.“, erwiderte der Mann, wie wenn er Simons Gedanken hätte lesen können. „Wieso hast du all den Frauen so viel Schmerz zugeführt?“, stockte Simon. „Weil sie es nicht anders verdient hatten!“ „Aber…“ „Keine weiteren Fragen mehr!“, brüllte der Mann und fuchtelte mit der Pistole im engen Raum herum. „Ich werde mein Werk jetzt abschliessen und du kannst nichts dagegen tun! Bleib also schön stehen, wenn du nicht weiter an diesem Ende teilhaben möchtest!“ Noch bevor Simon reagieren konnte, machte der Fremde einen Schritt auf das Fenster zu, drehte sich noch einmal um und warf die Pistole neben Tamaras Beine. Dann lehnte er sich weit aus der kleinen Öffnung, verlor das Gleichgewicht und fiel in die Tiefe. Einige Sekunden später hörte Simon ein abscheuliches Knacken, dann einen dumpfen Aufschlag.
Mittwoch, 23. März 2011
Kapitel 13
„Was meinst du damit?“, fragte Tamara. „Ich erzähle es dir, wenn wir oben sind.“ Langsam öffnete er die Tür zum Dächliturm. Sein Herz begann zu rasen. „Woher hast du den Schlüssel? Ich dachte immer, der ganze Turm sei an den Schweizerischen Schreinermeisterverband vermietet.“ „Ist er auch, ich habe mir den Schlüssel von einem alten Schulfreund ausgeliehen.“ Behutsam nahm er ihre Hand und führte sie die Treppe hinauf. Mit jeder Stufe stieg seine Nervosität. Damals war er ebenfalls mit einer hübschen, blonden Frau genau diese Stufen hinaufgestiegen. Damals hatte sie ihn gequält. Damals war er ihr Opfer gewesen. Immer und immer wieder hatte sie ihn gepeinigt. Aber nicht heute. Nicht jetzt. Heute würde sein Werk endlich vollendet werden. Als Tamara abrupt stehen blieb, wurde er aus seinen Gedanken gerissen. „Wow, diese Aussicht!“ Sie eilte auf eines der Fenster zu und blickte über die Dächer. Er ging langsam auf sie zu und legte seine Hände auf ihre Schultern. Tamara zuckte zusammen. „Weißt du“, begann er, „genau an diesem Fenster stand ich früher auch oft.“ Tamara bewegte sich nicht. „Vor vielen Jahren nahm mich meine Mutter beinahe jeden Tag mit auf diesen Turm. Hier oben habe ich viele Dinge erlebt, die mich schwer geprägt haben.“ Tamara drehte sich um und schaute ihn besorgt an. Er ignorierte ihren Blick und fuhr fort. „Meine Mutter nahm mich fast jeden Tag mit auf diesen Turm. Die ersten Male war es nicht so schlimm, ich war ja noch klein und wusste nicht, warum sie mich schlug. Dann begann sie, mich anzuschreien. Sie schimpfte wegen den banalsten Sachen. Einmal hatte ich vergessen, das Geschirr abzuwaschen. Sie wurde wahnsinnig wütend, als sie es bemerkte. Sie schlug mich. Immer und immer wieder. Und ich hatte die ganze Zeit über das Gefühl, ich hätte alles falsch gemacht. Deshalb sagte ich auch niemandem, was meine Mutter tat. Die blauen Flecken verdeckte ich durch lange Pullis, welche ich im Winter und im Sommer trug. Natürlich gab es Fragen, doch ich war schon immer ein guter Lügner gewesen.“ Seine Hände verkrampften sich auf Tamaras Schultern, sein Blick war starr geradeaus gerichtet. „Und dann, es war ein regnerischer Nachmittag im April, nahm sie zum ersten Mal ein Messer mit.“ Tamara stockte der Atem. „Diese Narben“, er wies mit seinem Kinn auf eine Stelle an seinem Unterarm, ohne seinen Griff zu lockern, „ stammen von ihrem Messer.“ Unter seinen Händen begann Tamara zu zittern. Unbeirrt fuhr er fort. „Ich hatte schreckliche Angst vor ihr, ich traute mich nicht, etwas zu sagen. Ich traute mich nicht einmal, von zu Hause zu fliehen. Doch jetzt habe ich meine Angst überwunden. Jetzt kann ich an meine Mutter denken, ohne dass mich diese Angst lähmt.“ Er knirschte mit den Zähnen. Tamara konnte sich nicht bewegen. Nun war sie vor Angst wie gelähmt. „Jetzt kann ich ohne Probleme an ihre blonden Haare denken.“ Sein Blick wurde wirr. „An ihr hübsches, jugendliches Gesicht.“ Plötzlich schrie er. „Jetzt kann sie mir nichts mehr tun! Jetzt könnte ich mich wehren! Jetzt bin ich stark!“ Seine Hände legten sich um Tamaras Hals. Sie begann sofort zu schreien. Er gab sich nicht einmal die Mühe, sein Tuch hervorzuholen. Plötzlich schien ihr Blick auf einen Punkt weit weg gerichtet. Dann schloss sie die Augen und gab auf.
Donnerstag, 17. März 2011
Kapitel 7
„Ich habe keinen blassen Schimmer, was es mit diesem Rätsel auf sich hat“, erwiderte Tamara hoffnungslos. „Erst die Uhr und dann dieser Schirm - wir haben es wohl mit einem Serienkiller zutun, der nicht bloss aus Spass mordet.“
Blum hörte ihr gespannt zu, doch als er sie ansah, beunruhigte ihn etwas. Schnell verflogen seine Befürchtungen, als Tamara zu gehen beschloss. Denn er wollte sie etwas fragen, das er schon zu lange vor sich hingeschoben hatte. „Hättest du Lust, heute Abend mit mir Essen zu gehen?“, fragte er sie. Doch leider schüttelte sie nur den Kopf. Sie sei bereits verabredet, stotterte sie noch. Sie verabschiedete sich und verliess den Saal. Enttäuscht schlenderte Blum zu seinem Auto, griff zu einer Vodka-Flasche und nahm einen tiefen Schluck. Das Konsumieren einer Droge gab ihm das Gefühl, alle Probleme vergessen zu können, an nichts mehr denken zu müssen. Dann sah er auf der anderen Strassenseite, wie Tamara in einen schwarzen BMW stieg.
9. Kapitel Verbesserung
Mittwoch, 16. März 2011
Kapitel 12
„Gute Nacht Goldengel“, „gute Nacht Papa“, endlich gelang es Simon die Kleine ins Bett zu bringen, denn sie wollte unbedingt noch die grössten schweizer Talente schauen. Aber da es nun doch schon zehn Uhr war und morgen die Schule schon um sieben Uhr begann, musste er ein Machtwort sprechen. Er hingegen freute sich nun auf einen Abend mit Giaccobbo & Müller und einer guten Flasche Wein. Doch nach jedem Glas und nach jeder Pointe wurden seine Bedenken bedrückender. Passte Tamara wirklich auf sich auf? Doch seine Gedanken wurden unterbrochen als Alessia wieder ins Zimmer trat und sagte, „ Papa, ich habe Angst vor dem M & U Test morgen“, „ kannst du denn das Sprüchlein noch?“Natürlich konnte sie es noch, und sie rezitierte es tadellos. Trotzdem jagten die Worte Simon einen kalten Schauer über den Rücken .Er liess sich nichts anmerken und beruhigte Alessia. Er brachte sie erneut ins Bett und las ihr noch so lange aus Eragon vor, bis sie einschlief. Wieder auf der Couch, nahm er sein Handy hervor, um bei Tamara einen Sicherheitscheck zu vollziehen, auch wenn er so in Kauf nahm, dass sie ihn als aufdringlich ansah. Doch zu seinem Überraschen nahm sie nicht ab. Nun machte er sich ernsthafte Sorgen. Konnte es tatsächlich sein, dass heute der nächste Mord geschehen wird? Jetzt konnte er nicht mehr anders, er entschloss sich, dass nun die Zeit war, seine Theorie zu prüfen. Er überlegte sich, welcher der nächste Tatort sein könnte. Er nahm erneut sein Handy zur Hand, um im Revier anzurufen. Ein Wachhabender Beamter nahm ab, Simon sagte: „ Ab zum Dächliturm und zwar hurtig“, „aber“, „keine Wiederrede“. Simon selber zog sich sein Jacket über und stieg in sein Auto, nicht ohne bei Alessia vorbeizuschauen, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich schlief. Er steckte mit zittrigen Händen den Schlüssel ein und drückte aufs Pedal.
Mittwoch, 2. März 2011
11. Kapitel
Sie dachte immer noch darüber nach, was er ihr mit diesem Satz hatte sagen wollen. Gedankenversunken stiess Tamara gegen einen jungen Mann. Sie stammelte eine Entschuldigung und ging weiter. Als sie auf die Uhr blickte, bewegten sich ihre Beine automatisch schneller. Vor dem Kaffee blieb Tamara einen Moment stehen, um zu Atem zu kommen. Sie warf einen kurzen Blick auf ihr Natel, um ihre Frisur zu richten, und öffnete dann die Tür des Kaffees. Suchend blickte sie umher. Der Mann, den sie suchte, wartete an einem der hinteren Tischen und lächelte sie an. Sie eilte auf ihn zu und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Entschuldige die Verspätung“, sagte sie und setzte sich ihm gegenüber. „Kein Problem“, entgegnete er. „Willst du nicht bestellen?“ Er rief die Bedienung und Tamara bestellte sich einen Espresso. „Und? Gibt es etwas Neues?“ erkundigte er sich bei ihr. „Bei der Arbeit? Nicht wirklich. Mein Arbeitskollege sagt, er hätte etwas herausgefunden, aber ich weiss nicht genau, was ich davon halten soll.“ Er schaute sie eindringlich an. „Dieser Fall bedrückt dich, nicht wahr?“ fragte er vorsichtig. Tamara blickte auf. „Ja, ich meine, immerhin passe ich genau in das Opferprofil des Mörders.“ „Weisst du was? Ich habe eine Idee: Ich bezahle jetzt, und dann gehen wir zu einem meiner Lieblingsplätze.“ Als Tamara einwilligte, legte er das Geld auf den Tisch, und sie verliessen das Kaffee. Sie gingen schweigend nebeneinander. Tamara dachte wieder an Simon und seine Vorahnung. So bemerkte sie gar nicht, wohin sie gegangen waren. Plötzlich blieb er stehen; Tamara sah auf und erblickte einen der Museggtürme. Sein Dach sah aus wie eine Pyramide; so viel sie wusste, war dies der Dächliturm. „Und das ist dein Lieblingsplatz?“ fragte Tamara kritisch; wo sie hinschaute, sah sie nur Häuser. Er erwiderte nur: „Hier habe ich mich sicher gefühlt, wenn es zu Hause nicht so gut gelaufen ist.“