Donnerstag, 14. April 2011
14. Kapitel
Ihr Handy. Er hatte es zuerst gar nicht beachtet, so tief waren seine Gedanken beim Anblick ihres Körpers gewesen. Aber war sie auch tot? Er hatte keine Zeit mehr, denn vom Display konnte er genauestens ablesen, wer bei seiner letzten Schönheit anrief: S. Blum. Diesen Typen kannte er vom Parkplatz des Archivs noch sehr gut und er wusste, was dieser Anruf bezweckte. Irgendetwas hatte ihn verraten. Was genau, konnte er sich aber beim besten Willen nicht vorstellen. Sein Vorgehen war so sauber, so perfekt gewesen. Keinen Fehler hatte er bemerkt, nicht einmal jetzt, bei seinem letzten Mal. Von ihm kam kein Versehen, das war sicher. Es konnte, nein, es musste fast ein Zufall sein, der jetzt seine letzten Minuten bei ihr in Gefahr brachte.
Simon hielt das Handy während der ganzen Fahrt an sein Ohr gepresst. Vor lauter Sorge um Tamara bemerkte er gar nicht mehr, dass niemand abhob. Ein Team der Polizei war unterwegs, jetzt musste er einfach schnell sein.
Als die Türme in Sicht kamen, standen zahlreiche Autos davor. Auf nichts und niemanden achtend, lief der die lange Mauer entlang bis zuletzt- der Dächliturm. Er war sich so sicher, Tamara hier zu finden.
Die Tür war offen. Simon nahm die Pistole aus seinem Gürtel und öffnete die Tür. Es war dunkel. Er tastete nach der ersten Stufe und stieg langsam die Treppe hinauf, die Pistole fest in der Hand. Er stellte sich vor, wie Tamara oben lag, wie die anderen Opfer blond und wunderschön, jedoch mit einem eingeritzten Zeichen auf der Brust und tot. Simon musste schlucken. Seine Beine wurden schwerer und schwerer. ‚Simon, reiss dich zusammen‘, schalt ihn eine leise Stimme in seinem Kopf. ‚Solche Situationen hattest du doch auch schon.‘ ‚Damals war es aber nicht Tamara…‘ erwiderte eine andere. Er meinte, von unten ein Geräusch gehört zu haben. Simon blieb stehen und schüttelte den Kopf, um seine Gedanken zu vertreiben. Er musste einen klaren Kopf haben, wenn er den Täter überführen wollte. Dass er sich Sachen einbildete, konnte in Stresssituationen vorkommen. Simon holte noch einmal tief Luft, hielt seine Waffe hoch und betrat das Dachgeschoss. Hier oben war es heller, denn der Mond schien genau zu einem der Fenster hinein. Leider konnte er diesen schönen Augenblick nicht geniessen, denn in diesem Moment erblickte er Tamara. Ein dumpfes Gefühl machte sich in ihm breit; er konnte sich nicht mehr bewegen, war wie gelähmt. Sie sah aus wie in seiner Vorstellung. Blond. Wunderschön. Kalt. Tot. Seine Pistole glitt ihm aus der Hand und fiel zu Boden. Beim Geräusch des Aufpralls kam wieder Leben in Simon. Er eilte auf Tamara zu und kniete sich neben sie. „Tamara, Tamaraaaaa?!“, rief er mit lauter, unkontrollierter Stimme. Simon fuhr durch ihre zerzausten Haare, betrachtete die Würgemale an ihrem Hals. Plötzlich regte sie sich, schlug die Augen auf, schaute ihn an. Er tastete ihr Handgelenk nach einem Puls. Da waren nur noch wenige Schläge. Geistesgegenwärtig begann er einen verzweifelten Versuch, sie wieder zu beleben. Beatmung und Herzmassage im abwechselnden Rhythmus. Sie atmete immer schwerer, ihr Puls verlangsamte noch mehr. Dann gab er auf; er konnte ihr nicht mehr helfen. Tamara schaute ihn nur an. Dann wurde ihr Blick glasig, ihr Körper schwer.
„Die Kleine konnte sich besser wehren als die anderen.“ Die Stimme kam aus dem Nichts, und Simon sprang erschrocken auf. Ein Mann kam langsam aus dem Schatten hinter der Türe. Der Mann bückte sich, hob Simons Pistole auf und betrachtete sie in seiner Hand. Dann fuhr er mit Plauderlaune fort. „Um sie war es fast schade.“ Simon wollte etwas sagen, irgendetwas, doch seine Stimme versagte. „Du möchtest mir gar nichts sagen?“ Simon konnte nicht klar denken. Ihm wurde bewusst, dass dieser gestörte Mensch hinter der Tür des Turms gewartet hatte, als er hereingekommen war. Im Dunkeln hatte er nach der ersten Stufe getastet. Nicht auszudenken, wenn Simon mehr nach rechts gegangen wäre… Dann hatte er sich das Geräusch auf der Treppe doch nicht eingebildet. Er war an diesem Mann vorbeigegangen, und der Mann war ihm dann den Turm hinauf gefolgt. Ihn schauderte es. Er schüttelte seinen Kopf erneut, um seine Gedanken zu ordnen.
„Aber Tamara hat aufgegeben, denn niemand widersetzt sich meinen Spielregeln! Niemand hat eine Chance gegen mich!“ Plötzlich überschlug sich seine Stimme. „Und was willst du jetzt machen, Simon? Ich habe deine Pistole. Du bist machtlos und deine Freundin ist tot.“ Er lachte ein hysterisches Lachen und drehte die Waffe weiter in seinen Händen. Trotz seinen wirren Gedanken merkte Simon jetzt, dass der Mann Recht hatte. Was sollte er tun? Niemand würde herkommen, die Polizisten umstellten nur das weitläufige Gebiet, hier waren sie alleine. „Du kannst nichts machen.“, erwiderte der Mann, wie wenn er Simons Gedanken hätte lesen können. „Wieso hast du all den Frauen so viel Schmerz zugeführt?“, stockte Simon. „Weil sie es nicht anders verdient hatten!“ „Aber…“ „Keine weiteren Fragen mehr!“, brüllte der Mann und fuchtelte mit der Pistole im engen Raum herum. „Ich werde mein Werk jetzt abschliessen und du kannst nichts dagegen tun! Bleib also schön stehen, wenn du nicht weiter an diesem Ende teilhaben möchtest!“ Noch bevor Simon reagieren konnte, machte der Fremde einen Schritt auf das Fenster zu, drehte sich noch einmal um und warf die Pistole neben Tamaras Beine. Dann lehnte er sich weit aus der kleinen Öffnung, verlor das Gleichgewicht und fiel in die Tiefe. Einige Sekunden später hörte Simon ein abscheuliches Knacken, dann einen dumpfen Aufschlag.
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