„Was meinst du damit?“, fragte Tamara. „Ich erzähle es dir, wenn wir oben sind.“ Langsam öffnete er die Tür zum Dächliturm. Sein Herz begann zu rasen. „Woher hast du den Schlüssel? Ich dachte immer, der ganze Turm sei an den Schweizerischen Schreinermeisterverband vermietet.“ „Ist er auch, ich habe mir den Schlüssel von einem alten Schulfreund ausgeliehen.“ Behutsam nahm er ihre Hand und führte sie die Treppe hinauf. Mit jeder Stufe stieg seine Nervosität. Damals war er ebenfalls mit einer hübschen, blonden Frau genau diese Stufen hinaufgestiegen. Damals hatte sie ihn gequält. Damals war er ihr Opfer gewesen. Immer und immer wieder hatte sie ihn gepeinigt. Aber nicht heute. Nicht jetzt. Heute würde sein Werk endlich vollendet werden. Als Tamara abrupt stehen blieb, wurde er aus seinen Gedanken gerissen. „Wow, diese Aussicht!“ Sie eilte auf eines der Fenster zu und blickte über die Dächer. Er ging langsam auf sie zu und legte seine Hände auf ihre Schultern. Tamara zuckte zusammen. „Weißt du“, begann er, „genau an diesem Fenster stand ich früher auch oft.“ Tamara bewegte sich nicht. „Vor vielen Jahren nahm mich meine Mutter beinahe jeden Tag mit auf diesen Turm. Hier oben habe ich viele Dinge erlebt, die mich schwer geprägt haben.“ Tamara drehte sich um und schaute ihn besorgt an. Er ignorierte ihren Blick und fuhr fort. „Meine Mutter nahm mich fast jeden Tag mit auf diesen Turm. Die ersten Male war es nicht so schlimm, ich war ja noch klein und wusste nicht, warum sie mich schlug. Dann begann sie, mich anzuschreien. Sie schimpfte wegen den banalsten Sachen. Einmal hatte ich vergessen, das Geschirr abzuwaschen. Sie wurde wahnsinnig wütend, als sie es bemerkte. Sie schlug mich. Immer und immer wieder. Und ich hatte die ganze Zeit über das Gefühl, ich hätte alles falsch gemacht. Deshalb sagte ich auch niemandem, was meine Mutter tat. Die blauen Flecken verdeckte ich durch lange Pullis, welche ich im Winter und im Sommer trug. Natürlich gab es Fragen, doch ich war schon immer ein guter Lügner gewesen.“ Seine Hände verkrampften sich auf Tamaras Schultern, sein Blick war starr geradeaus gerichtet. „Und dann, es war ein regnerischer Nachmittag im April, nahm sie zum ersten Mal ein Messer mit.“ Tamara stockte der Atem. „Diese Narben“, er wies mit seinem Kinn auf eine Stelle an seinem Unterarm, ohne seinen Griff zu lockern, „ stammen von ihrem Messer.“ Unter seinen Händen begann Tamara zu zittern. Unbeirrt fuhr er fort. „Ich hatte schreckliche Angst vor ihr, ich traute mich nicht, etwas zu sagen. Ich traute mich nicht einmal, von zu Hause zu fliehen. Doch jetzt habe ich meine Angst überwunden. Jetzt kann ich an meine Mutter denken, ohne dass mich diese Angst lähmt.“ Er knirschte mit den Zähnen. Tamara konnte sich nicht bewegen. Nun war sie vor Angst wie gelähmt. „Jetzt kann ich ohne Probleme an ihre blonden Haare denken.“ Sein Blick wurde wirr. „An ihr hübsches, jugendliches Gesicht.“ Plötzlich schrie er. „Jetzt kann sie mir nichts mehr tun! Jetzt könnte ich mich wehren! Jetzt bin ich stark!“ Seine Hände legten sich um Tamaras Hals. Sie begann sofort zu schreien. Er gab sich nicht einmal die Mühe, sein Tuch hervorzuholen. Plötzlich schien ihr Blick auf einen Punkt weit weg gerichtet. Dann schloss sie die Augen und gab auf.
Mittwoch, 23. März 2011
Donnerstag, 17. März 2011
Kapitel 7
„Ich habe keinen blassen Schimmer, was es mit diesem Rätsel auf sich hat“, erwiderte Tamara hoffnungslos. „Erst die Uhr und dann dieser Schirm - wir haben es wohl mit einem Serienkiller zutun, der nicht bloss aus Spass mordet.“
Blum hörte ihr gespannt zu, doch als er sie ansah, beunruhigte ihn etwas. Schnell verflogen seine Befürchtungen, als Tamara zu gehen beschloss. Denn er wollte sie etwas fragen, das er schon zu lange vor sich hingeschoben hatte. „Hättest du Lust, heute Abend mit mir Essen zu gehen?“, fragte er sie. Doch leider schüttelte sie nur den Kopf. Sie sei bereits verabredet, stotterte sie noch. Sie verabschiedete sich und verliess den Saal. Enttäuscht schlenderte Blum zu seinem Auto, griff zu einer Vodka-Flasche und nahm einen tiefen Schluck. Das Konsumieren einer Droge gab ihm das Gefühl, alle Probleme vergessen zu können, an nichts mehr denken zu müssen. Dann sah er auf der anderen Strassenseite, wie Tamara in einen schwarzen BMW stieg.
9. Kapitel Verbesserung
Mittwoch, 16. März 2011
Kapitel 12
„Gute Nacht Goldengel“, „gute Nacht Papa“, endlich gelang es Simon die Kleine ins Bett zu bringen, denn sie wollte unbedingt noch die grössten schweizer Talente schauen. Aber da es nun doch schon zehn Uhr war und morgen die Schule schon um sieben Uhr begann, musste er ein Machtwort sprechen. Er hingegen freute sich nun auf einen Abend mit Giaccobbo & Müller und einer guten Flasche Wein. Doch nach jedem Glas und nach jeder Pointe wurden seine Bedenken bedrückender. Passte Tamara wirklich auf sich auf? Doch seine Gedanken wurden unterbrochen als Alessia wieder ins Zimmer trat und sagte, „ Papa, ich habe Angst vor dem M & U Test morgen“, „ kannst du denn das Sprüchlein noch?“Natürlich konnte sie es noch, und sie rezitierte es tadellos. Trotzdem jagten die Worte Simon einen kalten Schauer über den Rücken .Er liess sich nichts anmerken und beruhigte Alessia. Er brachte sie erneut ins Bett und las ihr noch so lange aus Eragon vor, bis sie einschlief. Wieder auf der Couch, nahm er sein Handy hervor, um bei Tamara einen Sicherheitscheck zu vollziehen, auch wenn er so in Kauf nahm, dass sie ihn als aufdringlich ansah. Doch zu seinem Überraschen nahm sie nicht ab. Nun machte er sich ernsthafte Sorgen. Konnte es tatsächlich sein, dass heute der nächste Mord geschehen wird? Jetzt konnte er nicht mehr anders, er entschloss sich, dass nun die Zeit war, seine Theorie zu prüfen. Er überlegte sich, welcher der nächste Tatort sein könnte. Er nahm erneut sein Handy zur Hand, um im Revier anzurufen. Ein Wachhabender Beamter nahm ab, Simon sagte: „ Ab zum Dächliturm und zwar hurtig“, „aber“, „keine Wiederrede“. Simon selber zog sich sein Jacket über und stieg in sein Auto, nicht ohne bei Alessia vorbeizuschauen, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich schlief. Er steckte mit zittrigen Händen den Schlüssel ein und drückte aufs Pedal.
Mittwoch, 2. März 2011
11. Kapitel
Sie dachte immer noch darüber nach, was er ihr mit diesem Satz hatte sagen wollen. Gedankenversunken stiess Tamara gegen einen jungen Mann. Sie stammelte eine Entschuldigung und ging weiter. Als sie auf die Uhr blickte, bewegten sich ihre Beine automatisch schneller. Vor dem Kaffee blieb Tamara einen Moment stehen, um zu Atem zu kommen. Sie warf einen kurzen Blick auf ihr Natel, um ihre Frisur zu richten, und öffnete dann die Tür des Kaffees. Suchend blickte sie umher. Der Mann, den sie suchte, wartete an einem der hinteren Tischen und lächelte sie an. Sie eilte auf ihn zu und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Entschuldige die Verspätung“, sagte sie und setzte sich ihm gegenüber. „Kein Problem“, entgegnete er. „Willst du nicht bestellen?“ Er rief die Bedienung und Tamara bestellte sich einen Espresso. „Und? Gibt es etwas Neues?“ erkundigte er sich bei ihr. „Bei der Arbeit? Nicht wirklich. Mein Arbeitskollege sagt, er hätte etwas herausgefunden, aber ich weiss nicht genau, was ich davon halten soll.“ Er schaute sie eindringlich an. „Dieser Fall bedrückt dich, nicht wahr?“ fragte er vorsichtig. Tamara blickte auf. „Ja, ich meine, immerhin passe ich genau in das Opferprofil des Mörders.“ „Weisst du was? Ich habe eine Idee: Ich bezahle jetzt, und dann gehen wir zu einem meiner Lieblingsplätze.“ Als Tamara einwilligte, legte er das Geld auf den Tisch, und sie verliessen das Kaffee. Sie gingen schweigend nebeneinander. Tamara dachte wieder an Simon und seine Vorahnung. So bemerkte sie gar nicht, wohin sie gegangen waren. Plötzlich blieb er stehen; Tamara sah auf und erblickte einen der Museggtürme. Sein Dach sah aus wie eine Pyramide; so viel sie wusste, war dies der Dächliturm. „Und das ist dein Lieblingsplatz?“ fragte Tamara kritisch; wo sie hinschaute, sah sie nur Häuser. Er erwiderte nur: „Hier habe ich mich sicher gefühlt, wenn es zu Hause nicht so gut gelaufen ist.“